1742: Musik aus Mannheim PDF Drucken E-Mail

Was fällt Ihnen zur Stadt Mannheim ein? Viele jüngere Leute dürften spontan die Musikgruppe "Söhne Mannheims" mit ihrem bekanntesten Mitglied Xavier Naidoo nennen.

Tatsächlich war Mannheim schon einmal berühmt für seine Musik. Im Jahre 1742 wurde in Mannheim die Oper eröffnet. Dieses Ereignis sowie die Übernahme der Regierungsgeschäfte durch den Kurfürsten Karl (oder Carl) Theodor läuteten eine Phase der kulturellen und v.a. auch musikalischen Blüte ein, wenngleich erste Ansätze auch schon vorher erkennbar waren. (Wieder ein Beispiel dafür, dass nichts so plötzlich und monokausal geschieht, wie es selbst manche Historiker gern hätten...)

Karl Theodor

Felix Anton Besold (1744):                            Kurfürst Karl Theodor; Rechte: commons.wikimedia.org
Felix Anton Besold (1744):
Kurfürst Karl Theodor

Karl Theodor wurde im Dezember 1724 auf Schloß Droogenbosch bei Brüssel geboren. Bereits in früher Kindheit starben sein Onkel, Joseph Karl von Pfalz-Sulzbach, und sein Vater, der Pfalzgraf Johann Christian von Sulzbach. Ein entfernter Verwandter wurde zu seinem Vormund bestellt: Karl III. Philipp von der Pfalz.

Karl III. Philipp holte den 8-Jährigen nach Mannheim. Dort erhielt er Unterricht von den Jesuiten. 2 Jahre studierte er zudem an den Universitäten von Löwen und Leiden geistliches und weltliches Recht, Staatsökonomie und Geschichte. 1742 heiratete er die Enkelin von Karl III. Philipp und übernahm nach dessen Tod in demselben Jahr seine Regierungsgeschäfte.

Karl Theodor förderte öffentliche Bildungseinrichtungen und setzte sich stark für Wissenschaft und Künste ein. Bis 1778 blieb er in Mannheim. Bevor die Geschichte und Bedeutung der Mannheimer Hofkapelle nachgezeichnet wird, soll zunächst ein Blick auf die beherrschenden Musikstil-Epochen der Frühen Neuzeit geworfen werden:

Renaissance, Barock und Klassik

Unter der Musik der Renaissance wird die Musik des 15. und 16. Jahrhunderts verstanden. Sie zeichnete sich durch verschiedene Merkmale aus, z.B. dadurch, dass eine besondere Mehrstimmigkeit entwickelt wurde. Neue Instrumente wurden entwickelt, eine neue Natürlichkeit in der Musik gefordert und entwickelt: von Holzblas- und Blechblasinstrumente bis hin zu vielfältigen Streichinstrumenten in mehreren Stimmlagen. Namentlich benannte Komponisten statt anonymer Menschen schufen Werke nicht mehr "nur" für den Gottesdienst oder zum Gotteslob, sondern auch zur Freude des Menschen - einhergehend mit der zunehmenden Individualisierung des Menschen in der Renaissance. Der Notendruck seit Ende des 15. Jahrhunderts unterstützte diese Tendenzen.

Der Barockstil kennzeichnet gewöhnlich die Zeit zwischen den Werken Claudio Monteverdis (um 1600) bis zum Tode Johann Sebastian Bachs (1750) und manifestierte sich vornehmlich in der Architektur, der Malerei und der Musik. Meist wird die musikalische Epoche in drei Abschnitte unterteilt: Früh- (bis 1650), Hoch- (1650-1710) und Spätbarock (ab 1710), wobei zunächst italienische, später französische Einflüsse "den Ton" vorgaben. Der barocke Musikstil wird auch als "Zeitalter des Generalbasses" oder als "Konzertanter Stil" bezeichnet. Melodie und Harmonie basierten auf dem basso continuo (Generalbass), einer fortlaufenden Basslinie oder -melodie, meist gespielt von Cello (früher Gambe genannt) oder Kontrabass und dem Cembalo, nach der sich die anderen Stimmen richteten. "Konzertant" bezeichnet eine Art dialogischen Musizierens zwischen einem oder mehreren Soloinstrument(en) und dem Ganzen des Orchesters (von lat. concertare = "wetteifern, streiten"). Hinzu kam noch, aus Frankreich, die Suite, eine Folge von Tänzen.

Die Klassik oder Wiener Klassik schließlich bezeichnet, grob, die Zeit und den Stil der drei großen Komponisten Haydn, Mozart und Beethoven. Musik sollte Wissenschaft und Kunst sein, sich an Regeln halten und gleichzeitig wahr, harmonisch und schön klingen. Leidenschaft und Gefühle, Phantasie und Erhabenheit sollten gemeinsam mit den verstandeskräften die starren Muster des Barock aufbrechen: Der Generalbass entfällt, Melodie und Harmonik stehen im Vordergrund, das Stilisierte wird durch den Kontrast ersetzt.

Auch wenn diese Einteilung in Renaissance, Barock und Klassik recht eindeutig erscheint, gab es natürlich Zwischenformen. Ein neuer Stil ist nicht aus dem Nichts, von einem Tag auf den anderen entstanden. Es gab Vorläufer und es gab immer auch nach dem "offiziellen Ende" einer Epoche Musiker und Komponisten, die an dem älteren Stil festhielten. Die Grenzen wurden meist erst Jahrzehnte oder Jahrhunderte später gezogen, wenn sich abgezeichnete, welche Richtung sich durchgesetzt hatte und welche auf der Strecke gebliebeb war.

Und so begann auch die Klassik nicht am 29. Juli 1750, also einen Tag nach Bachs Tod. In Frankreich und Italien gab es bereits erste Anzeichen eines neuen Musikstils, die Söhne Bachs, allen voran Carl Philipp Emanuel Bach, bewegten sich in eine andere Richtung - und auch in Mannheim versammelten sich Komponisten, die Neuartiges schaffen wollten und geschaffen haben.

Die Mannheimer Hofkapelle

Die Hofkapelle war ein modernes Orchester: Beste Musiker wurden engagiert, um mehrmals in der Woche "neue" Musik erklingen zu lassen. "Die Mannheimer begeisterten durch Natürlichkeit, Schwung. Musizieren aus dem Augenblick, was eine hinreißende Stimmung erzeugte." (dtv-Atlas: Musik) Althergebrachte barocke Stilmerkmale (z.B. der Generalbass) wurden fallengelassen. Eigene, moderne, vor- oder frühklassische Stücke standen auf dem Programm.

Die Mannheimer Hofmusik war v.a. für ihre sinfonischen Werke bekannt. Gleichwohl erklang am Hof auch Kammermusik. Karl Theodor selbst spielte Klarinette, Cello und Flöte und nahm gern an dieser Musik im eher kleineren Kreise teil.

Zu den bekanntesten Musikern und Komponisten zählten:

  • Johann Wenzel Stamitz (1717-1757), der als Gründer der Mannheimer Schule gelten kann und mehr als 70 Sinfonien, etliche Orchetertrios sowie Solo-Konzerte komponierte,
  • Franz Xaver Richter (1709-1789), der später Domkapellmeister in Straßburg wurde und ebenso eifrig wie Stamitz war (über 80 Sinfonien, viele Solo-Konzerte),
  • Ignaz Holzbauer (1711-1783), der 1753 nach Mannheim kam und mit etlichen Sinfonien und Solo-Konzerte begeisterte,
  • Christian Cannabich (1731-1798), der zunächst Konzertmeister, später Dirigent der Hofkapelle wurde. Er schuf mehr als 100 Sinfonien und, wie Stamitz, Orchestertrios und Solo-Konzerte, wobei er die Klarinette als neues Soloinstrument einbrachte.

Bei dem Begriff "Kapelle" denkt man heute vielleicht an ein kleines Orchester. Tatsächlich wurden bei größeren repräsentativen Veranstaltungen allein über 20 Violinen gezählt (1777). Dies deutet auf ein durchaus gutbesetztes Orchester hin.

Ruhm und Nachwirken der Hofkapelle

Die Mannheimer Hofkapelle errang europaweit Ruhm und Anerkennung.

Sie zog zwischen 1742 und 1778 viele bekannte Musiker an. Wolfgang Amadeus Mozart reiste nach Mannheim und fand, nach eigenen Worten, in Cannabich einen guten Freund. Er bewunderte die schwungvollen Konzerte und spielte wohl auch mit dem Gedanken, selbst in Mannheim anzuheuern. Sicherlich war er nicht der Einzige mit diesem Vorhaben: Gerade für Musiker war es nicht selbstverständlich, eine feste Anstellung mit einem sicheren Gehalt zu haben.

Lob gab es von allen Seiten: Charles Burney (1726-1814), ein englischer Komponist, Organist und Musikhistoriker, vermerkte 1772, dass es in der Hofkapelle mehr Solisten und gute Komponisten gab als in anderen Orchestern.

Leider ist bis heute die Geschichte und Wirkung der Mannheimer Hofmusik noch nicht annähernd erforscht. Gerade die Sinfonien Mannheims haben jedoch den Übergang von Barock zu Klassik deutlich mitgeprägt und großen Einfluss auf die klassische Musik gehabt.

Nachdem im Jahre 1777 Max III. Joseph von Bayern ohne direkten Erben starb, erbte Karl Theodor Bayern und verlegte daher 1778 seine Residenz nach München verlegen. Christian Cannabich siedelte mit der Hofkapelle ebenfalls nach München um. Damit endete die Mannheimer Ära.

 


Linktipps:

Kurfürst Karl Theodor

>> Biografie im Biographisch-Bibliographischen Kirchenlexikon

>> Biografie in der "Neuen Deutschen Biografie" (NDB)

>> Biografisches auf den Seiten des Schlosses Mannheim


Mannheimer Hofkapelle

>> Presseartikel der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg über die Kapelle


Mannheimer Schloss

>> Referat über das Schloss auf den Seiten der Uni Karlsruhe

 


Literatur:

dtv-Atlas Musik: Systematischer Teil: Musikgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart. 2. durchges. u. korrig. Aufl., München 2005

Reclams Konzertführer: Orchestermusik. Von Klaus Schweizer und Arnold Werner-Jensen. 17. durchges. u. verbesserte Aufl., Stuttgart 2001

Reclams Kammermusikführer. Hrsg. v. Arnold Werner-Jensen. 12. Aufl., Stuttgart 1997


 

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