| 1792: Angeborener Adel? |
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"Überall findest du Adel", schrieb 1792 der Schriftsteller und Jurist August von Kotzebue (1761-1819) in seiner Abhandlung "Vom Adel". Er sucht in dieser Schrift die Berechtigung des Adelsstandes zu begründen, in einer Zeit also, da die Vorranstellung des Adels mehr und mehr angezweifelt wurde. "Überall findest du Adel", unter allen Völkern der Erde, ohne dass es irgendwelche Absprachen unter ihnen gebe. Interessant ist nun die Folgerung und zugleich Begründung Kotzebues: Alles spreche für ein "Gesetz der Natur". Überall in der Natur sehe man Unterschiede, eine Art "Stufenleiter", bei der alles Geschaffene in einer gewissen Abstufung zueinander stehe. Hiermit greift der Schreiber auf eine altchristliche Vorstellung zurück, die nicht länger die Gleichheit, sondern die Ungleichheit (lt. diversitas) der Schöpfung betonte. (Brunner, Grundbegriffe, S. 1002) Diese Auffassung einer naturgegebenen Verschiedenheit stand konträr zu der Einstellung der Aufklärer - und Kotzebue appelliert fortan an den menschlichen Verstand, um die Natürlichkeit zu erklären. So wie der Esel seine Trägheit weiter vererbe, so gebe der Adelige den Adel an seine Nachkommen weiter: Ein edler Sohn stamme von edlen Eltern - lange Zeit wurde der Begriff "Adel" etymologisch von "edel" abgeleitet. Die Unterschiedlichkeit zeige sich, so Kotzebue, ebenso bei den Rassen, bei Menschen- und Tierrassen: "Wenn die Natur überhaupt edle und unedle Menschenracen schuf; warum nicht auch edle und unedle Familien?" Ähnliches gelte für Hunde und Pferde. Der Adelige stehe also grundsätzlich über dem Bürger. Trotzdem sah Kotzebue, dass diese Ordnung gefährdet war. Der Bürger erarbeite sich mehr und mehr Vorrechte und Vorteile, während dem Adel verstärkt der Ruf der Ungebildetheit anhing. "Drum leset und lernet!", ruft ihm Kotzebue nach. Neben den Naturgesetzen sprächen auch die Stellung des Adels innerhalb eines Staates für seine Daseinsberechtigung. Seine Hauptaufgabe sei der Kriegsdienst, weshalb Kotzebue sich auch gegen die Besetzung von "Officiersstellen mit Bürgerlichen" wendet. Interessanterweise war August von Kotzebue kein Adeliger von Geburt: Warum und für wen also schrieb er "Vom Adel"? Für Gelehrte dürfte seine Schrift damals wenig beachtenswert gewesen sein. Fehlende logische Argumentation, eine auf flüchtige Zustimmung ruhende Rhetorik - siehe die vielen auf Zustimmung heischenden Fragen -, eher "schöne" als gelehrte Sätze zeigen dies. Eine Antwort mag in seinen Lebensumständen zu der Zeit der Niederschrift liegen. Um 1791 reiste er nach Russland, um in Deutschland einer gerichtlichen Verfolgung zu entgehen. In Russland schrieb er Theaterstücke, die sich gegen feudale Zustände richteten. Nun hatte gerade die russische Kaiserin "den Adel dem Throne näher gehoben". Mit der Schrift suchte er sich der Kaiserin zu empfehlen - was durchaus als eine Art der Anbiederung verstanden werden kann. In Frankreich wurde der Stand des Adels 1789 abgeschafft, in deutschen Landen wuchs wohl die Kritik, doch erst mit der Weimarer Reichsverfassung von 1919 wurden die letzten Sonderrechte des Adels beseitigt. Literatur:Geschichtliche Grundbegriffe. Band 1ff. Hrsg. von Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck. Stuttgart 1972ff. Kaeding, Peter: August von Kotzebue. Auch ein deutsches Dichterleben. Berlin 1985. August von Kotzebue: Vom Adel. Eine kurze Geschichte des Adels aller Völkern durch die Jahrhunderte. 1792 |
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